Bücher

9783938686690

Armin Andrä, Heinrich von Schwanewede

Vom Barbieramt zur modernen Klinik

Ein Beitrag zur Geschichte der Zahnheilkunde in Rostock

ISBN 978-3-938686-69-0

231 S., 28 schw.-w. u. 8 farb. Abb.

Erschienen: 01. 09. 2008

Ladenpreis: € 38.00

Die Herausgabe des Titels ist ein einmaliges, besonderes und in dieser Art so nicht wiederholbares Angebot, dass die Möglichkeit eröffnet, "aus erster Hand" den Alltag zahnärtzlicher Praxis, wissenschaftlicher Forschung und studentischer Ausbildung an der Rostocker Universität von Anbeginn bnis zur Errichtung des ersten Lehrstuhls für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde darzustellen. Das hundertjährige Jubiläum der Errichtung eines Bettenhauses für Kieferkranke in Rostock fällt in das Jahr 2007 und ist ein würdiger Anlass des Erinnerns. Das Buch ist auch als Hardcoverausgabe erhältlich.

Pressestimmen zum Buch

dens, Mitteilungsblatt der Zahnärztekammer und der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern, 12/2008,

Von merkwürdigen Tinkturen, Zahreißen und einem Mord
Rostocker Autoren legen Beiträge zur Geschichte der Zahnheilkunde vor

Von merkwürdigen Tinkturen auf Jahrmärkten ist die Rede, aber auch von einem Mord. Die Geschichte der Zahnheilkunde in Rostock ist viel aufregender, als das Fach es vermuten lässt. Mit viel Liebe zum Detail und nach umfassender Auswertung historischer Quellen geben die Autoren -- der emeritierte Zahnmediziner und ehemalige Direktor der Klinik und Polikliniken für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universität Rostock, Prof. Dr. Armin Andrä und der Geschäftsüihrende Direktor der Klinik und Polikliniken für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Prof Drrdeinrich von Schwanewede -- einen 222—seitigen Überblick über die Anfänge der Zahnmedizin bis zum Jahre 1956. Obwohl infrastrukturelle Gegebenheiten, fachliche Repräsentanz und Akzeptanz bei Studienbewerbem von externen Gutachtem als hervorragend eingeschätzt wurden, schloss die Landesregierung im Jahre 1997 den Studiengang Zahnmedizin.

Medizinische Fakultät, Universität, Zahnärzte- und Ärztekammer und Landtag bewirkten, begleitet von massiven Protesten der Bevölkerung, die Rücknahme dieser Entscheidung im Jahre 2002. Von daher lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit.

Die Daten lesen sich als Erfolgsgeschichte: in Rostock entstand 1919 der erste Lehrstuhl für Zahnheilkunde an einer deutschen Universität und 1938 wurde hier die modernste Zahnklinik Europas eingeweiht. Mit der Gründung der Zahnklinik als »klinische Fachkrankenansta1t« im Jahre 1907 war die erste stationäre Einrichtung für Zahn- und Mundkranke in Deutschland errichtet. Im Sommersemester 1907 zählte die Einrichtung elf Studenten, die insgesamt 300 Patienten behandelten, 412 Extraktionen und 16 Operationen vomahmen, wie die Autoren akribisch auflisten. Im Wintersemester 1908/09 waren es bereits 29 Studenten mit 998 Patienten, 2283 Extraktionen und 110 Operationen. Der erste Student der Zahnmedizin in der Hansestadt im Jahre 1882 hieß Anton Witzel und kam aus Langensalza. Er musste sich noch an der Philosophischen Fakultät immatrikulieren, genau wie 218 Kommilitonen. Erst im Jahre 1910 gehörte die Zahnmedizin zur Medizinischen Fakultät. Die Geschichte der Zahnheilkunde in Rostock ist eng mit den Direktoren Johannes Albert Reinmöller, Hans Moral und Matthäus Reinmöller verbunden. Der erste Direktor, Johannes Reinmöller, musste zwei Gerichtsverfahren und ein Disziplinarverfahren über sich ergehen lassen. Immerhin hat er den Liebhaber seiner Frau erschossen. Seiner Karriere tat dies keinen Abbruch, er wurde später Rektor in Erlangen und Würzburg.

Nachfolger wurde Hans Moral. Der Zahnmediziner wurde 1885 in Berlin geboren und war ab 1913 an der Rostocker Universität tätig. Bis zum Jahre 1926 veröffentlichte der Wissenschaftler, der zusätzlich von der Medizinischen Fakultät die Ehrendoktorwürde erhielt, 40 Abhandlungen zur Zahnheilkunde. Sein Wirken steht für die Integration von Medizin und Zahnmedizin. Mit der Errichtung einer deutschlandweit ersten Bettenstation an einer Universitätszahnklinik erwarb er sich besondere Verdienste. Da er Jude war und sich zunehmend antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt sah, schied er am 6. August 1933 freiwillig aus dem Leben. Vor fünf Jahren wurde die Rostocker Zahnklinik nach ihm benannt. Eine Ehrentafel im Foyer des Universitätshauptgebäudes erinnert an Hans Moral.

Es folgte der jüngere Bruder des Gründungsdirektors, Matthäus Reinmöller, der die Zahnklinik durch die Wirren des Krieges und der Nachkriegszeit führte. Bei seiner geplanten Abbberufung im Jahre 1954 kam es zu einem »Aufstand« an der Rostocker Klinik. Er blieb dann bis 1956.

Amüsant lesen sich auch die Anfänge der Zahnheilkunde am Anfang des Buches. Hatten die Barbiere doch im 17. Jahrhundert umfassende Kenntnisse im Beschneiden von Haaren, Bärten und Nägeln, waren sie aber auch in der Lage, kranke Zähne zu behandeln, auszureißen und kleinere chirurgische Leistungen zu erbringen. Bei der Meisterprüfung in Rostock wurde das Wissen zur Heilkunde, zu Instrumenten, Zähnen, Aufbau der Mundhöhle, Kräutern und deren Anwendung abgefragt. Zudem musste der Prüfling eine Salbe, eine Mixtur oder ein Pflaster herstellen.

Nicht zuletzt waren bei der Meisterprüfung »16 Schillinge, zwei Pfund Wachs zur Ehrung der Heiligen Cosmas und Damian sowie eine Tonne Bier, ein Schinken und Brote für die Bewirtung der Meister« zu hinterlegen. Ein Buch, das als Paperback tür 38,00 Euro, als Hardcover für 54,00 Euro zu haben ist, und sich auf dem Gabentisch zu Weihnachten durchaus eignet; für die Zahnmediziner, die in Rostock studiert haben, ist es geradezu Pflichtlektüre!

Renate Heusch-Lahl