Bücher

9783938686676

Ewald Tempel

Im Alarmzustand

Zur Geschichte der Volksmarine in den kritischen 1960er Jahren

ISBN 978-3-938686-67-6

482 Seiten, Paperback, 32 Abbildungen

Erschienen: 01. 01. 2006

Ladenpreis: € 32.00

Der Autor hat aus den drei Krisenlagen der 1960er Jahre aus eigenem Erleben konkrete Handlungen der Seestreitkräfte der DDR zugeordnet. Daraus wird ersichtlich, dass die eigentlichen Zentren der 1961, 1962 und 1968 entfachten Krisenherde von der politischen und militärischen Führung des Warschauer Paktes immer bis in die ausreichende Tiefe des Raumes mit Flottenkräften abgesichert wurden. Ein interessanter Aspekt der Darlegungen ist dabei die Einordnung der in dieser Zeit durchgeführten oder als Reaktionen erwarteten Handlungen der NATO-Streitkräfte.
Das Buch – eine kritische und solide Auseinandersetzung mit der Militärpolitik des Warschauer Paktes und der DDR – bietet auch interessante Innenansichten aus dem Alltagsleben und den ideologischen Denkschemata der Führungseliten der Volksmarine.

Pressestimmen zum Buch

FAZ, 15. 08. 2007

Wasser für Ost-Berlin
Die Volksmarine in den Krisen der sechziger Jahre

Wie gingen im Kalten Krieg die beiderseitigen Streitkräfte auf See miteinander um? Denn nur dort konnte der jeweilige . Gegner mit seinen Waffen und Fähigkeiten unmittelbar beobachtet werden. In der Ostsee hatten sich bis 1989 beide deutsche Marinen mit ihren Aufklärungseinheiten im Visier. Es ist daher verdienstvoll, wenn ein ehemaliger Stabsoffizier der NVAVolksmarine über seine Erfahrungen berichtet. Ewald Tempel war mehr als 20 Jahre im Hauptgefechtsstand der Volksmarine an der operativen Aufklärung beteiligt. Sein Buch stellt drei Ereignisse mit ihren Auswirkungen auf die Volksmarine in den Mittelpunkt: den Mauerbau in Berlin 1961, die Kuba-Krise 1962 und die Niederschlagung des »Prager Frühlings« 1968. In diesen Krisen befand sich die NVA über Wochen hinweg im »Alarmzustand«, worauf sich der Titel der Darstellung bezieht, die vor allem auf persönlichen Aufzeichnungen und Materialsammlungen fußt. Diese konnten offensichtlich bei dem sonst so rigiden Uberwachungssystem der NVA problemlos angelegt werden. Bei aller Offenheit erfährt man leider nur wenig über den dienstlichen Werdegang des Autors.

Die Aufklärung auf See begann in der Volksmarine mit bescheidenen Mitteln. Zunächst standen nur kleine Vermessungsschiffe zur Verfügung, die zivil besetzt waren und bei ihren Fahrten durch die dänischen Meerengen nur einen als »Expediti0nsleiter« getarnten Offizier der Aufklärungsabteilung an Bord hatten. Besonders spannend ist der Bericht über eine Fahrt Anfang November 1962, um während der Kuba-Krise eine Dislozierung von NatoSeestreitkräften in dänischen Gewässern zu erfassen. Tempel musste den Einsatz wegen der stürmischen Wetterlage abbrechen und für zwei Tage im schwedischen Hafen Malmö Schutz suchen. Die Besatzung blieb an Bord, niemand setzte sich ab. Dennoch schien Tempels Karriere nach dem Einlaufen in Warnemünde beendet zu sein. Seine Kameraden behandelten ihn »bereits wie einen Aussätzigen, von dem man sich am besten fernhält«. Doch es gab in der DDR auch Flaggoffiziere wie den damaligen Chef der Volksmarine, Konteradmiral Heinz Neukirchen, der sich über ideologische Argumente hinwegsetzte, die zwingenden nautischen Gründe für die Entscheidung Tempels anerkannte und das Disziplinarverfahren einstellte. Hier und aus anderen Beispielen überzeugt der Autor mit seiner Einschätzung, dass offensichtlich viele Einheiten der Volksmarine nach dem Auslaufen die SED und ihre Politorgane »im wahrsten Sinne des Wortes weit hinter sich« ließen. Nach allem, was man heute weiß, beschränkte sich im Kalten Krieg die Aufklärung auf See nicht nur auf die optische Er· fassung der Kriegsschiffe, sondern umfasste auch die Auswertung ihrer elektromagnetischen Ausstrahlungen und ihres Geräuschspektrums im Wasser. Denn nicht zuletzt aus der elektronischen und akustischen Signatur eines Kriegsschiffes lassen sich Typ und Kampfkraft ableiten. Bei allen lobenden Worten über die in Manövern gezeigte Einsatzbereitschaft der Bundesmarine bleibt bei Tempel unklar, wie die Volksmarine die Kampfkraft der einzelnen Schiffsund Bootstypen des potentiellen Gegners tatsächlich bewertete. Mit Ausnahme der bei Räumoperationen beobachteten Leistungsfähigkeit der Minensuchboote bleiben die Angaben über andere Einheiten sehr allgemein. Dies gilt auch für die Ergebnisse der Funkaufklärung. Hier hätte der Leser gern mehr über konkrete Ergebnisse und den Nachrichtenaustausch mit anderen Marinen des Warschauer Paktes erfahren. Die potentielle Gefahr, die ab 1966 von U-Booten der Bundesmarine ausging, wird nur in wenigen Worten erwähnt. Dabei bleibt offen, ob die U-Jagd-Verbände der Volksmarine beziehungsweise der sowjetischen Ostseeflotte mit ihren Ortungsgeräten in der Lage waren, getauchte U-Boote sicher zu erfassen und dann über längere Zeit zu verfolgen.

Der Bericht wird immer wieder durch längere Einschübe und Reflexionen aus dem Familienleben des Autors und über spätere politische Entwicklungen unterbrochen. Sehr viele Abkürzungen er· schweren die Lesbarkeit des Textes. Befremdlich wirkt zudem die Ortsbezeichnung »Gotenhafen« aus der NS-Zeit für die polnische Hafenstadt Gdingen. Insgesamt gesehen, ist es aber ein wichtiges Buch über das Eigenleben der Volksmarine innerhalb der NVA, über Spannungen und Kontroversen in den Stäben, aber auch über das ernste Bemühen eines ehemaligen NVA-Offiziers, die Nato und ihre Strategie im Kalten Krieg fair und gerecht zu beurteilen.

WERNER RAHN